White River Junction

Es ist drei Uhr nachts und ich taumle aus einem Reisebus und stehe in White River Junction. Das war nie mein Plan. Da wollte ich nie hin. Und so wie es aussieht werde ich da wohl auch nicht lange bleiben. Ich bin verwirrt und ein wenig desorientiert und löse mich mühsam von den letzen Fetzen eines schon verblassenden Traums, die noch an mir haften.  Das ganze wird zu meiner Erleichterung nur als Tankpause angekündigt, bei der man gleich noch ein paar Passagiere in den wirbelnden Schnee ausspuckt. Beziehungsweise neue Reisende in den warmen Bauch des Busses aufnehmen kann.

Ich habe selten einen Ort gesehen, der seinem Namen so sehr Ehre macht, denn der Ort ist nicht mehr als eine Kreuzung, unterlegt von heimeligem weißen Rauschen. Es gibt kaum mehr als die Tankstelle mit einem kleinen Verkaufshaus, das unter dem pompösen Haltestellenschild im typischen Design eines Bahnhofs nur noch mickriger wirkt. Zwischen Reese Peanutbuttercups, Mountain Dew Flaschen mit ihrem aggressiven grün und einem um diese Uhrzeit verdächtig freundlich wirkendem Verkäufer haben sich die auf den drei Wartebänken die kauernden Gestalten ausgetauscht. Ich möchte mir gar nicht zu lange darüber Gedanken machen, worauf sie wohl warten, weil ich fürchte, dann in eine tiefere Sinnkrise zu stürzen.

Aber wer von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hoppelt wird solche Orte niemals sehen. Und nicht verstehen, welche profunden Aussagen sie über ein Land treffen, alleine durch ihre Existenz. White River ist wie der Kleister mitten in Vermont und New Hampshire, irgendwo zwischen Boston und Montreal. Ohne es könnten die beiden anderen wohl nicht sein, umgekehrt schon gar nicht, aber die Metropolen nehmen ganz sicher von seiner Existenz nicht die geringste Notiz. In seiner Mittelmäßigkeit, seiner gähnenden Langeweile und den gänzlich unaufgeregten Bewohnern ist es dem amerikanischen Alltag wahrscheinlich viel näher. Denn am Ende sollte die Antwort auf die Frage, warum man geblieben ist, hier interessanter sein, als die Antwort eines New Yorkers, warum es ihn in die Metropole verschlug. Denn White River Junction könnte überall und nirgendwo sein. Niemandem würde groß auffallen, wenn es eines Tages einfach verschwinden würde, aufhören, zu existieren. Ein paar Pendler wären vielleicht kurz verwirrt, würden fluchen, sich am Kopfkratzen, aufregen und dann einfach einen anderen Durchgangsort suchen (oder in einer anderen Reihenfolge). Es ist so allgegenwärtig, dass es kaum sichtbar ist.

Vielleicht ist der Ort an einem derartig willkürlichen Flecken entstanden, weil eine Gruppe Pioniere an irgendeinem beliebigen Punkt, einer fiktiven Grenze stehen geblieben ist und einer zu den anderen sagte: „Hier kommt nichts mehr“. Und damit allen die Lethargie in die Glieder gepumpt hat, den Entdeckergeist genommen. Niemand hat diese imaginäre Linie überschritten, dieses abgewertete Land betreten, alle haben auf die leere Fläche vor ihnen gestarrt, die der leeren Fläche hinter ihnen optisch in nichts nachstand. Dies ist ein Punkt so gut wie jeder andere, haben sie vielleicht gedacht. Haben sich von der demonstrativen Glanzlosigkeit der Landschaft abgestoßen gefühlt, das Gefühl gehabt, das Ende erreicht zu haben. Denn das Ende liegt meist in der Mitte, auf der anderen Seite krümmt sich die Erde wieder und strudelt zurück in aufregendere Gefilde. Aber dieser eine ruhende Punkt hat sich jeder ästhetischen Dekadenz verweigert. Für andere Orte muss man erst einmal Gefühle suchen, die zum Ereignis passen. Muss sich mit den ersten vergleichen, die dieses Stück Erde betreten haben und sich dabei selbst banalisieren. Das ist bei White River Junction nicht nötig. Hier begegnet man den fiktiven Ersten, die den Boden mit ihren Füßen eingeweiht hat, gemütlich auf Augenhöhe.

Ehe ich noch dazu komme, meine Gedankenkonstrukte hinsichtlich des Entstehungsmythos dieses Ortes weiter auszubauen, macht es unhörbar Knacks und die kleinen Aquarien, in denen wir wartenden Stizen und vor uns hin starren, bekommen kleine Risse. Haarrisse. Ich kann nicht mal mehr Blub sagen, so schnell ist es geschehen. Denn einer, der ist eingetreten ohne diesen Kasten übergestülpt zu haben. Ein alter Mann – ein Gesicht wie eine topographische Karte – wendet sich zu jedem in der Runde und schaut mir dann direkt ins Gesicht. Ich weiß nicht, ob es die Generation ist, in der noch mehr Menschen ohne Menschenfurchtsgene geboren sind oder ob es die Lebenserfahrung ausmacht. Aber es sind meist die Alten. Sein lässig organischer Faltenwurf verzieht sich an den Rändern nach oben. Scheinbar hat er die Müdigkeit in meinen Augen als rein physisches Problem identifiziert.

„Wissen Sie, dieser Ort war nichts ohne die Eisenbahn, da war es nur ein einziges Haus des Fährmanns, der dann zum Brückenwart wurde. Und jetzt, wo die Eisenbahn ihre Bedeutung verloren hat, ist der Ort wieder in die Unwichtigkeit zurück gerutscht.“ Er streckt mir einen Flyer unter die Nase, die Ortschronik. Er grinst noch immer. Alle schweigen weiter. Den Neuankömmling scheint das nicht im Geringsten zu beeindrucken. Er beobachtet den Tankstellenbesitzer, wie dieser mit missmutigem Gesicht die Spielergebnisse aus der NFL kommentiert. Dann setzt er sich neben mich. „Ist es nicht merkwürdig, dass die Menschen im Nichts am Ende die gleichen sind wie in den Metropolen, höchstens auf anderen Geschwindigkeitsstufen? Ist das nicht die Tragik der ganzen Existenz, was immer man tut, die Menschen bleiben im Grunde dieselben?“

Ich kann ihm nur zustimmen. Ist das nicht auch der Grund, warum am Ende Menschen enttäuscht von einer Antarktisreise zurückkehren? Weil sie nicht wirklich verschwunden sind, sich nicht wirklich verloren haben, keine neue Facette der Menschheit gesehen haben? Am Ende werden sie nur Orte gesehen haben, die selbst im August noch Februar tragen und mit Menschen, um die sie in ihrem Heimatort einen größtmöglichen Bogen gemacht hätten, auf einem Schiff eingesperrt sein. Auch in White Winter Junction ist es nur der Fremde, der das Überraschungsmoment in die zähe Trägheit der Nacht bringt. Der plaudert beschwingt und ungefragt von seiner Kindheit in New York. Am verzweifelten Versuch, weiterhin unbeteiligt in eine zufällige Richtung zu schauen, kann man ablesen, dass ihm inzwischen alle zuhören.  Inklusive dem Tankstellenbesitzer und dem Austauschbusfahrer, der inzwischen eingetroffen ist.

„Als die Zweigbibliotheken in New York City gebaut wurden, hatte jede eine Wohnung im dritten Stock für einen Hausmeister, der die Bibliothek sauber halten und die Kohleöfen brennen lassen würde. Mein Vater war einer von ihnen.“ Während er wie alle heranwachsenden zwischen individuellem Dickkopf und dem Wunsch nach der obskuren „Normalität“ mäanderte, hatte er gleichzeitig Zugriff auf die Antworten auf fast alle Fragen, die er sich ausdenken konnte direkt unter sich. Das gibt einem kleinen, dünnen Außenseiter eine Macht und ein Rückgrat, die ihn schlussendlich bis auf die Universität tragen.  Und gleichzeitig macht er das Reich von Bibliothekarinnen mit gespitzen Lippen nachts zu einem kindischen Erlebnisspielplatz.

Der Funke der Anarchie blitzt noch immer in seinen von Falten umgebenen Augen. Auch wir sind ein bisschen so, wir sind auch irgendwie in diesen Ort eingefallen, kurzzeitig. Diese kleine menschliche Ansiedelung mitten in einer glanzlosen, empfindungsfreien Zone, umgeben von einer Natur, die zu ungemütlich ist, um zum verweilen einzuladen und zu wenig bedrohlich, um einem wirklich das Gefühl von Ursprünglichkeit einzuflößen. Bis sich in ein paar Minuten die Erde unter unseren Füßen wieder krümmen wird und wir in unserem Bus weiter gen Süden rutschen, uns von diesem Retadierenden-Moment-Ort entfernen werden.

Der Herr der Bücher und ich, wir sind in die gleiche Richtung unterwegs. Dabei ist sein einziges Ziel die öffentliche Bibliothek. Das ist seine Strategie gegen Altern und Einsamkeit. Die Vertrautheit und die immer wiederkehrenden, ortsunabhängigen Heimatgefühle, wenn er von Büchern umgeben ist. Die Offenheit der Menschen, die das klärende Reich des pikierten „pssst“ verlassen haben und mit denen er über einer Tasse Tee im Bibliothekscafé plaudern kann, weil er weiß, dass sie die gleiche Leidenschaft teilen. Und seine immer wiederkehrende diebische Freude, wenn er jemandem von seiner Kindheit in einem kleinen, versteckten Apartment über der Bibliothek erzählen kann und seine Nächte eben in jener.

Einer der wenigen Orte, an dem die sozialen Einlasskriterien nicht ziehen – zumindest nicht mehr. Ein immer ähnlicher Geruch auch alten Büchern, Reinigungsmittel, einem etwas zu aufdringlichem Parfüm und dem Hauch ungewaschener Körper: der Dunst der sozialen Suppe einer Gesellschaft. Denn er kennt viele Geschichten, auch die des kleinen schwarzen Jungen, vielleicht sieben oder acht, der eines Tages vor dem Tresen steht und ein Buch über das Sonnensystem ausleihen möchte. Er will Astronaut werden. Und er will nicht gehen, als die Bibliothekarin ihn ohne Buch davon schicken will. Der Herr der Bücher kennt nur das kurzfristige Ende, jenes, in dem die Polizei gerufen wird. Wir Wartenden sind uns alle einig, dass wir uns ein endgültiges Ende wünschen, in dem der Junge in einer Rakete sitzt.

Das Ende von White River Junction liegt nicht weit von seinem Anfang. Kaum haben sich alle wieder in den Bus hinein sortiert, verfallen sie auch wieder in ihre vorherigen Aktivitäten. Der Bus rollt zurück gen belebter, urbaner Gefilde, gen Beschleunigung und Morgengrauen. Und vielleicht habe ich die ganze Zeit falsch gelegen und es in Wahrheit dieser Ort, dem das Verschwinden der Existenz der beiden Metropolen, zwischen denen er liegt, nicht auffallen würde. Weil er am Ende sich selbst genügt, der Straße, der Kreuzung. Hier haben sich die Menschen eine Beständigkeit aus Ritualen und Erdnussbuttersnacks gezimmert, die vielleicht den Untergang der Großmacht, in die sie geografisch geraten sind, überdauern wird.

 

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