Wir Wiederkäuer

Wir sind nicht gekommen, um weise zu werden. Weise, das ist sowieso eine Kategorie, die lediglich als Nachhall in literarischen Figuren weiterlebt, in bärtigen alten Männern, die von längst verstorbenen Literaten mit ulkig anmutenden Frisuren erdacht wurden. Und heute nur noch in Kombination mit in goldenen Boxershort halbnackt über die Bühne hüpfenden Jünglinge inszeniert werden können. Damit das kulturaffine Kernpublikum, die gut situierte Witwe Mitte siebzig, die zum baumelnden Klunker auch ein wenig kulturelles Kapital vorweisen muss, um beim Kaffeeklatsch mit den tattrigen Freundinnen glänzen zu können, sich auch gut unterhalten fühlt. Und aufgerüttelt. Ein wenig, aber bloß nicht zu sehr. Unterhaltsamkeit ist und bleibt dabei ja sowieso die Hauptmaxime der Mediengesellschaft. Das Theater, die künstlerische Erziehanstalt der Menschheit, die griechische Ideale und postmoderne Destruktionsästhetik vermengt, flattert, von einer synthetisch zerhackten Symphonien provisorisch getragen, sicher nicht aus den eigenen vier Wänden hinaus. Wird an der Garderobe wieder abgegeben, wenn sich die alte Dame das Mäntelchen holt und der mitgeschleppte Schüler die Flasche Schnaps wieder abholen kann, mit der er sich das Stück eigentlich eingängig trinken wollte.

Wir sind nicht gekommen, um uns zu bilden. Sind nicht gekommen, um zu lernen. Wir sind nur hier, um Wissen zu konsumieren. Vorgekautes, zerhacktes Wissen. Wir sind Jünger eines sagenumwobenen Dokuments namens Studienordnung, das wir niemals gelesen haben, das aber regelmäßig wie ein Schreckgespenst umherwabert, wenn die Angst umgeht, dass wir dubiose Fristen und Anordnungen verpasst haben, die dieses Pamphlet propagiert. Es ist Sommer, und wenn wir draußen säßen würden wir nicht von hordenweise Insekten angegriffen, weil es dieses Jahr ganz besonders wenige davon gibt. Das kann uns aber nicht schrecken, denn wir verlassen ja die Bibliothek nicht. Und wenn wir es täten wäre unser Gehirn bereits soweit gegerbt, dass wir auch keine Empörung mehr hervorbrächten. Es ist Juli und die Klausurenphase hängt über der Stadt. Wir sind gekommen, um wieder zu kauen, nicht um zu verdauen. Um uns erst sagen zu lassen, wie trivial doch all das ist, was wir nicht verstehen. Um unhinterfragt den Duktus unserer Wissensparte zu übernehmen und dann mit ihm durch die Bars zu stolzieren. Und dann, wenn wir fünf Jahre später ausgespuckt werden, werden wir taumeln und feststellen, dass wir nichts gelernt haben, was uns menschlicher macht. Im besten Fall haben wir vielleicht etwas gelernt, das uns reicher macht. An Gütern, aber nicht an Idealen. Sind wir noch Scheinrebellen, die nur von Ferne pöbeln oder sind wir schon wirtschaftsrelevant?

Multa, non multum, sage ich und versuche, all das, was ich in einem Semester nicht im Hirn behalten habe, nun in eben jenes zu stopfen, während die Schar meiner Kommilitonen damit beschäftigt ist, Angst und Schrecken in unserem Gruppenchat zu verbreiten und zu vermehren. Eine Gruppe adretter Drittsemester stellt das dar, was sie für perfekt aufeinander abgestimmte Spontaneität halten. Ihre Mission sind weniger die anstehenden Klausuren als die schnieken BWLer drei Tische weiter vorne. Gekonnt auffällig unauffällig an ihnen vorbeizulaufen, mit genau dem richtigen Maß and Hüftschwung und Desinteresse, ist die eigentliche Kunst, die sie im ersten Studienjahr erlernt haben. Der Herr der Ordnung, der heimlich Prinz von und zu Prokrastination vom Geblüht der Neurosen, hat seine Stifte mit einem exakten Abstand von 2,5 cm und ohne Versatz aufgereiht, entsprechend der Goethe’schen Farbenlehre, da ihn jede andere Konstellation derselben in seiner geistigen Struktur für fundamentale Störsignale sorgen würde. Für das neben mir sitzende mit koffeinhaltigen Getränken zugedröhntes Exemplar Student ist dies ein Ort der Solidarität, des geteilten Leides. das scheue Lächeln der Bibliotheksangestellten ist der einzige Sozialkontakt des Tages. Seine Angst, sich nicht alles rechtzeitig einverleiben zu können, illustriert sich nicht in einer motivierten Gelehrsamkeit, sondern eher im turmhohen Stapel neben ihm. Die aufputschenden Substanzen, die er sich im Eingangsbereich einflößt, erquicken und fokusieren seinen Geist nicht, aber sorgen dafür, dass Fetzen vom neuesten Max Giesinger Song noch anhaltender in seinem Kopf dudeln. Rechts von mir ein Mädchen, dass offensichtlich in die Idee verliebt ist, die sie vom Studieren hat und die zahlreichen Möglichkeiten, die die Universität bietet, mit seinem eigenen Wortschatz, der Begriffe wie Verfemung beeinhaltet, zu glänzen. Weiter vorne einer, der seinen Lebensmittelpunkt in die Bibliothek verlegt hat, um dem eisigen Klima seiner eigenen WG zu entkommen. Das ist sie also befreite, gebildete Jugend, die Elite von morgen.

Wir sind gekommen, um Bulemie zu lernen. Und am Ende bleibt nichts zurück als das angenehme Gefühl, sich entleert und entlehrt zu haben und der saure Nachgeschmack im Atem. Wir sind gekommen, um uns von Semester zu Semester zu hangeln und uns dann zu wundern, wenn wir nichts mit uns anzufangen wissen, wenn das System uns in die nächste Phase entlässt. Wenn wir uns wohl in unserem Großraumbüro fühlen sollen, dann treffen wird dort genau die gleichen Nasen, die wir schon aus der Bibliothek kennen und schon ist der Sprung ins kalte Wasser abgemildert. Das kenne wir ja schon. Dann hangeln wir uns eben von Wochenende zu Wochenende. Nur worauf zu, darüber wollen wir dann doch lieber nicht nachdenken.

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