Schriftstellerin

Zwischen den Wörtern

Das Schreiben ist auch nur eine billige Flucht, hat einmal ein von seinen Gefühlen überwältigter Punk ins Mikrophon gebrüllt. Davor, dass wir ungefragt in die Welt gespuckt worden sind und im besten Fall achtzig Jahre versuchen, uns davon zu erholen. Nur um dann über die nächste Schwelle gestoßen zu werden, hinter der wieder die vollkommene Ungewissheit liegt. Schriftsteller schicken also ihre Wörter auf die dreckigen Straßen, um für sie zu kämpfen. Sie ziehen ihren Wörtern Boxhandschuhe an, damit sie sie durch die Nacht schlagen. Sitzen in einer windigen Dachkammer, zum bersten angefüllt mit Dämonen, Musen mit Angstzuständen vor Inspirationslockaden und dem Gott des Bordeaux. Sie geben ihnen Fleisch und Knochen und hungrige Augen, tarnen sie als Menschen. Manchmal sind sie die präziseren Menschen. Denn sie haben sich ihre Bücher als geistige Kinder unter Schmerzen heraus gepresst.

Nun steht das Buch in der Welt, wird von Fingern begrabbelt und mit Kaffeeflecken versehen, so dass aus einem von tausenden gleichen, seelenlosen Exemplaren ein Individuum wird. In dem ein Mensch seine Gedanken, seine Aufzeichnungen, ein paar Tränen oder ein Haar hinterlassen hat. Doch genau dadurch, dass man ihnen die Benutzung, das Reisen und das Blättern angesehen hat, hat man sie sich zu eigenen gemacht, sie gezähmt und aus einem exakten Duplikat ein interaktives Objekt gezaubert. So werden sie zu Lieblingsbüchern und zu alten Freunden, mit denen man immer dann ins Bett steigt, wenn man sich seiner Identität, seiner Wurzeln wieder vergewissern musste. Sie führen einem nach innen. Doch das Innere ist auch nur ein weiteres Äußeres. Der Charakter eines Menschen ist nur ein Narrativ aus Versatzstücken einer windigen Psyche. Ein Epos seiner typischen Handlungsweisen. Der Mensch denkt lieber in Geschichten, nicht in Fakten.

Ein im Regal verstautes Buch ist schlummernder Drache, der niemandem etwas zu Leide tun kann. Erst wenn man ihn heraus nimmt wird er hochschrecken, verschlafen womöglich ein paar kleine Feuerwolken husten. Doch jenen, die es wagen, den Kopf zwischen seine Kiefer zu stecken, kann er beißen, verschlingen und in eine andere Welt hinein saugen. Und wenn es niemand heraus nimmt? Niemand sich die Gedanken darin zu Eigen macht? Dann erfährt das Buch das gleiche Schicksal wie die ungesagten Worte, die ungedachten Gedanken, die unausgesprochenen Schimpftirade und die nie vergossenen Tränen. Des Lebens, von dem niemand je die Schutzfolie abgezogen hat. Ist das traurig? Auch vom berühmtesten Philosophen bleiben am Ende nur drei Komma vier nur halb verstandene Sätze, die beim nächsten Partygespräch beeindrucken könnten übrig. Doch selbst wenn sie unverstanden bleiben, können sie etwas Mächtiges in die Welt setzen, etwas wahrhaftig unsterbliches. Ideen. Und Bücher sind der beste Trägerstoff hierfür.

Bestimmte Vorstellungen können lediglich durch Bücher transportiert werden, da diese alle gängigen Regeln umgehen und Sachverhalte mit revolutionärer Brutalität sezieren können. Nur sie bieten genügend Weite und gleichzeitig eine sichere Begrenztheit, um bestimmten komplexen, tiefen und aufrüttelnden Ideen einen Lebensraum zu bieten. Sie sind in ihrer Treffsicherheit, Geschwindigkeit und Präzision nur von zwei Intellekten abhängig. Es geht nicht unbedingt darum, dass der Schriftsteller seinen Leser durch sein Werk als Vermittler in einen gewünschten geistigen oder emotionalen Zustand versetzt. Ein Buch ist kein Bote, der die Ideen des einen in das Gehirn des anderen setzt.  Stattdessen geht darum, dass beide beim Prozess des Schreibens oder Lesens mehr gelebt haben, als sie es in der gleichen Zeit gewöhnlich zu tun pflegen.

Niemand liest je ein Buch. Lesen ist kein mechanischer Prozess, der immer zum gleichen Ergebnis führt. Der Leser liest am Ende sich selbst durch Bücher. Bücher sind in Materie gegossener Geist, die in der Beziehung zwischen Leser und Text immer wieder neu geschaffen werden, flackern. Und einen ganzen Waldbrand entfachen können, wenn ein Funke den richtigen Nährboden findet. Es verbindet Menschen ohne durch Grenzen von Entfernung, Zeit oder gesellschaftlichen Hindernissen limitiert zu sein.

Ein Buch meißelt keine Steno-Botschaften ins Hirn hinein, sondern sprengt Telleränder, verursacht Schmerzen, wenn man sich in den Scherben schneidet.  „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, sagte Kafka[1]. „Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe Unterschied wie zwischen dem Blitz und einem Glühwürmchen“, sagt Mark Twain[2]. Der Leser macht das Buch und das Buch den Leser. Es ist nicht dasselbe, wenn ein eifriger oder ein müder Mensch ein Buch in die Hand nehmen. Nicht einmal dasselbe Buch.

 

[1] Franz Kafka, Briefe, 27. Januar 1904

[2] Mark Twain, Brief an George Bainton vom 15. Oktober 1888; veröffentlicht in „The Art of Authorship“ von George Bainton

Leave a Reply

Your email address will not be published.

*