Zwischen Exotismus und Marginalisierung?

Das hier ist vielleicht der schwerste Text, den ich je geschrieben habe. Weil er sich mit etwas beschäftigt, von dem ich eigentlich keine Ahnung habe und dem ich doch täglich begegne. Wenn ich ganz ehrlich bin, bin ich auch wirklich die letzte, die sich anmaßen könnte, aus der Position einer weißen Ausländerin mit Headstart eine Kultur und deren Ringen um die eigene Identität zu beschreiben, die derartig alt und so bedroht ist. Und über die ich immer noch viel zu wenig weiß. Und die in vielen Teilaspekten bereits ausgestorben ist. Aber auch Sprachlosigkeit ist kein besonders guter Ansatzpunkt, wenn man Dinge voran bringen möchte. Auch wenn es hier wohl viel weniger darum geht, über eine gesellschaftliche Gruppe zu reden, als mit ihr. Weil genau das ein Kern des Problems ist: Kanadas Autochtone, die „Ureinwohnern“, wurden über Generationen hinweg mit den westlichen Vorstellungen von dem, wie sie sind und wie sie sein sollten, indoktriniert. Dabei sind sie alles andere als eine Einheit, sondern bestehen aus vielen Völkern mit mindestens 50 verschiedenen Sprachen.  Die drei offiziell getrennt behandelten Gruppen (Inuit, First Nations und Métis) machen heute noch etwa 4% der Gesamtbevölkerung aus.

 

Ich wohne auf eine Insel, auf der sie nur in zwei Extremen sichtbar werden. Zum einen als betrunkene Obdachlose in den Metrostationen. Ein Anblick, der immer wieder betroffen macht. Und sehr hilflos. Und auf der anderen Seite das gefeierte, aber auch irgendwie künstlich wiederbelebte Kulturgut, das man in Museen, auf Festivals sowie universitären Einführungsveranstaltungen inszeniert. In all den unterschiedlichen Grauschattierungen zwischen Exotismus und Marginalisierung ist es unheimlich schwer, sich einer derart diversen und inhomogenen Gruppe anzunähern. Vor allem, weil man sie immer nur aus dem Blick der restlichen 96% der Kanadier präsentiert bekommt. Nicht unbedingt negativ: oft ganz und gar nicht. Aber eben auch nicht authentisch. Oder vielleicht doch?

 

Autochtone Gemeinschaften sind zerstreut und oft abgelegen, stereotyperweise sind Missbrauch, Suizid, Alkoholismus, Prostitution, Obdachlosigkeit und Armut hier signifikant häufier als im gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt. Die Selbstmordrate bei Jugendlichen liegt elfmal höher als in der Vergleichsgruppe. Und das hat Vielfach auch die Wahrnehmung der restlichen Bevölkerung geprägt. Selbst die Indigenen scheinen sich dieses Bild teilweise einverleibt zu haben. Ich sprach mit einer jungen Frau, die selbst in diesem Umfeld aufgewachsen ist. Die Schilderung ihres Herkunftsortes erinnerte an ein Drittweltland. Inklusive Analphabetismusproblemen. Sie meinte, dass sie selbst tiefverwurzelte und hässliche Vorurteile gegenüber ihrer eigenen ethnischen Gruppe hege. Dabei wurde sie nicht müde, sich selbst von eben diesen Klischees abzugrenzen, ihre persönliche körperliche und mentale Gesundheit, ihren Ehrgeiz und ihr Erfolgsstreben zu betonen.

Gleichzeitig war sie reflektiert äußerst reflektiert. Sie habe sich eingestehen müssen, dass sie gegenüber sich selbst und anderen ihre Herkunft oft leugne, da sie nicht in das herkömmliche Bild passe, dass die meisten Kanadier von Autochtonen haben. Was ihr auch mehrfach von ihrem Umfeld wiedergespiegelt wurde. Aufgrund dieser tief verinnerlichten Vorurteile gegenüber ihren eigenen Leuten fällt es ihr noch heute schwer, die Exzellenz autochtoner Künstler, Akademiker oder Führungspersonen anzuerkennen. Sie begann diese als nicht wirklich „indigen“ zu sehen und war auch bezüglich ihrer eigenen Identität schon immer zwiegespalten. Diese Begegnung hat mich schockiert, weil sie doch zeigt, dass der vielbeschworene Versöhnungsprozess noch in den Kinderschuhen steckt. Gleichzeitig gibt es aber auch die Reservate, in denen sich gemütliches Einfamilienhaus mit Seeblick an das nächste reiht, in bester Ferienlage.

 

Was ist echt, welcher Aspekt überwiegt, wo wird übertrieben? Wo liegt der rote Faden zwischen all den Stolpersteinen? Was bedeutet es, autochton zu sein? Ich habe keine Ahnung, wo der wahre Kern ihrer Kultur liegt. Man findet Puzzlestücke, aber kein stringentes Bild. Und ich habe zumindest das Gefühl, dass es Teilen der Autochtonen selbst genauso geht. Nach den intergenerationellen Effekten von Internatsschulen, Vertreibung und vielen anderen politischen Strategien, die im besten Falle eine „Zivilisierung“ und „Assimilation“ und im schlimmsten Fall eine Ausrottung anstrebten, erscheint es mir, als wäre die Gemeinschaft selbst auf der Suche nach ihrer Identität. Irgendwo zwischen Leugnung, Abgrenzung von der Mainstreamkultur und Glorifizierung.

 

Dabei gibt es viele kleine Schritte, die auch die restlichen Kanadier erreicht haben. Vor Treffen linker universitärer Gruppen wird die Geschichte der Landnahme des Ortes erzählt, an dem diese abgehalten werden. Indigene Kunst wird in Museen und Festivals integriert. Sprachen sollen vor der Ausrottung bewahrt werden. Dörfer werden finanziell unterstütz, zahlreiche Rechte gewährt, die Steuerlast im Vergleich zu  anderen Kanadiern reduziert. Doch die großen Schritte bleiben vielfach aus – besonders dann, wenn es um fossile Rohstoffe geht. Oder manchmal auch nur um Golfplätze, wie 1990 in einem Dorf ca. 30 km von Montreal entfernt, als es zu Barrikadenkämpfen und zwei Toten kam. Auslöser war die Initiative des Ortes, den Golfplatz auf Landauszuweiten, das von den Autochtonen beansprucht wurde.

 

Dieser Text kann kein richtiges Ende haben, keinen Abschluss, keine Pointe. Ebenso, wie der Startpunkt, den sich das Land selbst gegeben hat, irgendwie nicht richtig ist. Und das zeigt, dass Kanada seine Wurzeln noch immer nicht wirklich inkludiert hat. Im Zuge des 150. Geburtstag Kanadas im vergangenen Jahr haben sich einige kritische Stimmen erhoben. Und die Zahl selbst in Frage gestellt. 1867 bestand Kanada erst aus vier Provinzen. Nunavut (hauptsächlich von der Gruppe der Inuit besiedelt) wurde erst 1999 die territoriale Eigenständigkeit anerkannt. Also ist das heutige, zehnteilige Kanada, gerade erst volljährig geworden? Erst seit 1882 darf das kanadische Parlament ohne die Zustimmung Großbritanniens die Verfassung ändern. Also hat Kanada das perfekte Alter für eine frühe Midlife Crisis? Die Königliche Proklamation von 1763, die in der aktuellen Verfassung verankert ist, besagt, dass jedes Land, das nicht durch einen Vertrag aufgegeben wurde, den First Nations gehört. Man könnte damit argumentieren, dass die Besetzung des Großteils der westlichen Provinz British Columbia gesetzeswidrig geschah. Kann man mit gutem Gewissen den Geburtstag einer Nation feiern, wenn die Autochtonen sich nicht ausreichend gehört fühlen?

 

Dieser Text kann kein richtiges Ende haben, keinen Abschluss, keine Pointe. Manche Dinge muss man einfach so stehen lassen, in ihrem unfertigen, frustrierenden Zustand. Dann wird einem wenigstens bewusst vor Augen geführt, wie viel es noch zu tun gibt.

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